Archive for the ‘allerlei’ Category

Absicherungsmedizin
13. November 2009

Labor, CT, Hospitalisation – man ist ja gründlich, hat die Sicherheit des Patienten stets im Blick. Wenn er dann etwas anderes will, nach Haus, kein Röntgen, kein Labor, kein garnichts, meint man ihn bewahren zu müssen vor seiner Unvernunft. Muss man wirklich? Sind Erwachsene nicht fähig, verantwortliche Entscheidungen zu treffen, wenn man ihnen die nötigen Informationen zur Verfügung stellt? Weiss der Arzt es besser? Muss man unbedingt verhindern, dass ein Mensch Achilles folgt – kurz und intensiv, dramatisches Ende nicht ausgeschlossen? Ist pragmatisches Begleiten menschlicher Unvernunft nicht die eigentliche Kunst? Machen wir nicht vieles nur, um uns abzusichern? Um auf keinen Fall „schuld“ zu sein an irgendetwas?

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Kielholen
11. November 2009

Blogs sind eine bahnbrechende Erfindung. Was wäre ein verregneter Vormittag vor einem Spätdienst ohne sie. Endlich kann man an den Höhen und Tiefen der menschlichen Existenz in Echtzeit teilhaben. Was wären wir ohne das Wissen über die Fernsehgewohnheiten bloggender Ärzte, ihre psychotischen Gedanken am Morgen nach dem Nachtdienst, ihre flachen Emotionen. Täglich wird bestätigt, dass es sich auch nur um kleinliche, schwitzende Menschen handelt. Von weisser Weste keine Spur, nochweniger von Göttern. Wer denken kann, wusste das zwar vorher, wer nur des Lesens mächtig, weiss seit dem Boom des Web 2.0 nun voll Bescheid. Zurück in die Welt davor möchte man nicht, aber hat man schlecht geschlafen oder gären Gase im Gedärm, verursachen bloggende Kollegen, Sanitäter, Pfleger, Therapeuten nicht selten unendlich Übelkeit, vielleicht greift man auch zur Nierenschale. Den guten Willen zur Sicht des Positiven hat man nun unter Beweis gestellt (Prisen), in Zukunft soll es auch an Polemischem nicht fehlen (Kielgeholt).

„Medizin“
4. November 2009

Vorurteile sind hartnäckig. Besonders persistent sind jene über mit detailierten differentialdiagnostischen Listen hantierende Theoretiker, die ihr Fach gern „Medizin“ nennen. Bevorzugt werden grosse und kleine Problemchen versessen „abgeklärt“; was den Alltag des Patienten nicht stört und harmlos scheint, könnte schliesslich eine wichtige (vermutlich nicht heilbare) Pathologie sein. Nachdem in der Enge des Stationsbüros mit grellen Farben breiter Stifte Befundbögen und Vorberichte coloriert, verlässt man nach niemals endender Fleissarbeit bedeutungsschwer Station und Spital, um früh am Morgen wieder kandiertes und hydraulisches zurechtzurücken. Dem schliesslich gnädig Entlassenen werden lange Medikamentenlisten und kluge Worte für den Hausarzt eingepackt. Schade nur, dass dem Patienten am häuslichen Frühstückstisch schon nach Arznei Nummer zwei der Appetitt vergeht. Der Hausarzt, motiviert und bestrebt den stationären Eierköpfen zu Diensten zu sein, arbeitet schwitzend (wissend um die fehlende Konsequenz) die Liste der ambulanten Kontrollen ab und übersetzt die Krankenhausapotheke in alltagstaugliche Pharmakologie. Wenn der Kreis sich schliesst, der Patient „entgleist“ und hospitalisiert wieder seinen Internisten gegenübertritt, werden diese nicht versäumen, sich auf hohem intellektuellen Niveau mit Witzchen über die Kompetenz des Hausarztes zu erheitern. „Medizin“ ist etwas anderes.

Werftgarantie
3. November 2009

Der freundliche alte Herr hatte Kopfschmerzen, leicht, seit dem Morgen. Die Dame mittleren Alters zwickte der Rücken, nachdem sie am Vortag ungeschickt mit dem Wäschekübel jongliert hatte. Beiden war gemeinsam, dass die naheliegende Erklärung sie nicht überzeugte. Sie wollten Gewissheit. „Können Sie garantieren, dass ich keinen Krebs habe, Herr Doktor“. Heiliger Klabautermann. Man geht regelmässig nachlässig über vielbefahrene Strassen, hier und da auch mal bei Rot; Ferienreisen mit Auto, Bahn und Aeroplan, exzessive Sonnenbäder, Wein, Weib, Gesang, Adipositas, konsequente Medikamenteneinahme nur in der Woche vor dem Arzttermin, Hausarbeit – aber beim Arzt soll es eine Garantie geben für das Lebensrisiko? Schlechte Nachrichten: Das Leben ist eines der gefährlichsten, meist endet es tödlich.

Signale
31. Oktober 2009

Mit erwartungsvollem Blick lag sie dort, die Haare offen, den Kopf auf dem lasziv angehobenen Arm; flacher Bauch, leichtgerundete Hüften, aus denen jugendliche Beine entsprangen, die weit im Süden lässig übereinandergeschlagen endeten. Ihren Erwartungen folgend, glitt eine Hand über zarte Haut, das Innerste offenbarend. Dazwischen fast schon zufällige Berührungen der Hüften, ein Arm, der sich um eine Taille schlang, Atem, der tiefer wurde. – Schon lässt man wieder voneinander ab, während sie mit spitzen Fingern Klebriges von ihrem Bauch entfernt. Oni soit qui mal y pense: Sonokurs in der Innerschweiz.

Liebeserklärung
29. Oktober 2009

Ich liebe sie; am Morgen, mittags, abends, während der Nacht, zu Zeiten, die man vorher gar nicht kannte, immer. Sie faszinieren und berühren mich, wenn ich mein vorlaut klingelndes Telefon gern im WC versenken würde, ich mit Blut und Urin bespritzt bin, gerade meinen Finger aus einem engen, ranzigen Anus gezogen habe und unmittelbar im Anschluss einem distinguiertem Herrn mit seit Wochen bestehenden Knieschmerzen gegenüber sitze, der sich höflich und in gewähltem Schriftdeutsch, aber nachts gegen 0245 Uhr, nach der Möglichkeit einer kernspitomographischen Schichtbilddarstellung seiner Leidenszone erkundigt. Ich liebe sie, weil sie zu grossem fähig, bettelnd an Ihrem Leben hängend, schliesslich doch in Würde ihren letzten Weg finden. Ich liebe die kleinen schmutzigen Geschichten von persönlichen Niederlagen, triumphalen Erfolgen und alltäglichen Lügen, die sie mir als Mitbringsel lassen. Ich liebe die Patienten, weil sie menschlich sind und mir nichts menschliches fremd ist. – Am Morgen, mittags, abends, während der Nacht und auch zu Zeiten, in denen sie zu Feinden werden.

Sysiphos
27. Oktober 2009

Interessante Dokumentation über den Alltag in deutschen Spitälern. Man trifft ihn überall den Sohn von Enarete und Aeolos: Link (Youtube-Video)

Seemannsbraut
27. Oktober 2009

Besonders wenn es heiss ist, lassen sie einen nicht los, die Gedanken an ihre glatte Haut, ihre Feuchte, ihre Süsse; man träumt davon, mit der Zunge ihre prickelnde Zartheit zu teilen und an ihnen zu saugen. Sie schlagen alles, für das sich sonst zu Leben lohnt. Ob ein Primitivo, Morgensonne, Sommerregen, Ankern vor Gümüslük, Kaffee mit Lisbeth Salander, Dinner mit Nicole Kidman oder eine Nacht mit Penelope Cruz, nichts kann das Aroma einer reifen saftigen Limette aufwiegen; Sex nicht, erst recht keine Orgasmen. Ihr besonderer intensiver Duft ist der Beweis, dass der Himmel irgendwo zwischen den Choanae und dem Bulbus olfactorius liegt. Am besten schmeckt eine Halbe von ihnen gepresst in Mineralwasser mit Eis.

Leinen los
25. Oktober 2009

Fühlt sich alles neblig an nach den Nachtdienst; der wievielte dies war in diesem Monat, ich hab es vergessen, wieviele noch folgen werden, habe aufgehört sie zu zählen. Keine besonderen Vorkommnisse, ein paar wehe Zehen, verdrehte OSG, die ersten Blasenentzündungen bei den jungen Frauen (da wird man wenigstens wach) und der eine oder andere, der vergessen hatte, wo er zu Hause ist. Dazwischen Briefe tippen, Internetgesurfe und ein paar Stunden (juhu!) Schlaf auf einer Untersuchungsliege.
Auch wenn es in die Knochen geht, Nachtdienste sind etwas besonderes, die Stimmung, das weiche Hirn am nächsten morgen, das pötzlich komische Ideen hat – beispielsweise in Zukunft Raubzüge in der Welt der medizinischen Blogs zu unternehmen.
Mal sehen, ob sich morgen … heute? …. keine Ahnung … die eine oder andere vielversprechende Prise finden und aufbringen lässt …