Liebeserklärung

Ich liebe sie; am Morgen, mittags, abends, während der Nacht, zu Zeiten, die man vorher gar nicht kannte, immer. Sie faszinieren und berühren mich, wenn ich mein vorlaut klingelndes Telefon gern im WC versenken würde, ich mit Blut und Urin bespritzt bin, gerade meinen Finger aus einem engen, ranzigen Anus gezogen habe und unmittelbar im Anschluss einem distinguiertem Herrn mit seit Wochen bestehenden Knieschmerzen gegenüber sitze, der sich höflich und in gewähltem Schriftdeutsch, aber nachts gegen 0245 Uhr, nach der Möglichkeit einer kernspitomographischen Schichtbilddarstellung seiner Leidenszone erkundigt. Ich liebe sie, weil sie zu grossem fähig, bettelnd an Ihrem Leben hängend, schliesslich doch in Würde ihren letzten Weg finden. Ich liebe die kleinen schmutzigen Geschichten von persönlichen Niederlagen, triumphalen Erfolgen und alltäglichen Lügen, die sie mir als Mitbringsel lassen. Ich liebe die Patienten, weil sie menschlich sind und mir nichts menschliches fremd ist. – Am Morgen, mittags, abends, während der Nacht und auch zu Zeiten, in denen sie zu Feinden werden.

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Eine Antwort

  1. Und wieder eine literarische Perle. Vom triefenden Fett schwülstiger Füllwörter befreit liegt es auf dem Frühstücksteller. Feinste Duftessenzen ringeln sich in die Höhe; Aromen nach Trüffel, Ondaatje, Rosenblüten, Lisa St. Aubin de Terán. Das Fleisch zart wie Nelly Furtado und kraftvoll wie PINK. Ich schneide, kaue, schlucke – und bin immer noch nicht satt.

    Fazit: Das perfekte prosaische hors-d’œuvre.

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